Gideon begegnet dem Tod



Gideon hat sich beim Apfelschälen in den Finger geschnitten. Nicht, dass er wehleidig wäre, aber es tut schon weh und sieht ganz schön schlimm aus, findet jedenfalls Gideon und geht sofort ins Krankenhaus.

Im Krankenhaus macht ihm die Schwester ein großes Pflaster auf seinen Finger. Dann gibt sie Gideon einen Kuss auf das Pflaster und noch einen auf die Stirn und verspricht ihm, dass es ganz sicher bald verheilt sein wird. Gideon ist daraufhin beruhigt und bedankt sich bei der Schwester mit seinem strahlendsten Lächeln.

Eigentlich müsste Gideon ja gar keinen Fahrstuhl benutzen, weil die Notaufnahme im Parterre ist, aber er hatte sich schon so auf das Fahrstuhlfahren gefreut und jetzt, wo er ja fast wieder gesund ist …

„Hallo!”, sagt er freundlich zu der hageren, vermummten Frau, als er in den Aufzug steigt.

Die Frau sieht sich gründlich um, dann auf Gideon hinunter und erst als sie ganz sicher ist, dass sie alleine sind, fragt sie mit tiefer Stimme: „Du kannst mich sehen?”

„Natürlich”, sagt da Gideon, „ich bin ja nicht blind. Ich hab doch nur ein Pflaster am Finger.”

Die Frau nimmt Gideons warme Hand in ihre eiskalte Klaue und murmelt nachdenklich: „Das ist sehr seltsam, Gideon.”

„Woher kennen Sie meinen Namen?”, wundert Gideon sich und es wird ihm ein bisschen gruselig zumute.

„Ich kenne ALLE Namen.”

Jetzt bemerkt Gideon auch den etwas unvorteilhaft wirkenden Hall in ihrer tiefen Stimme. Sie übertreibt ganz schön für ihr Alter, denkt er sich, aber natürlich sagt er das nicht, sondern fragt ganz vernünftig: „Und wozu müssen Sie alle Namen kennen?”

„Weil ich der Tod bin”, entgegnet der Tod schlicht.

„Dann muss ich jetzt also doch sterben? Die Schwester hat mir doch versprochen, dass ich ganz bestimmt bald wieder gesund werde!”,schluchtzt Gideon und schaut missmutig auf seinen Finger.

„Ich bin nicht wegen dir hier, mach dir keine Sorgen”, beruhigt ihn der Tod.

„Nicht wegen mir? Sie holen also nicht mich?”, versichert sich Gideon lieber noch mal.

„Nein, ich hole mir nur einen Kaffee. Die machen hier wirklich einen ganz hervorragenden Kaffee.”

„Das ist gut. Kaffee trinken ist OK. Also, ich trinke ja nur Tee — aber ich finde es toll, wenn Sie heute niemanden sterben lassen.”

„Ich hab heute meinen freien Tag. Der Job ist undankbar und da werde ich ganz gewiss keine Überstunden machen.”

„Darf ich Sie etwas fragen?”, fragte Gideon.

„Was willst Du wissen?”

„Haben Sie eine Liste, auf der Sie nachsehen können, wann ich sterben werde?”

„Wieso willst Du das wissen?”

„Um mich darauf einrichten zu können? Zum Beispiel, um nicht etwas großes in Angriff zu nehmen, für das mir dann nicht genug Zeit bleibt.”

„Gideon, wenn ich dir jetzt sagen würde, dass Du noch 40 Jahre vor dir hast, dann würdest du die nächsten 39 Jahre völlig frei von Todesängsten ständig dein Leben riskieren. Und du hättest dabei nicht einmal Spaß, denn der Spaß besteht ja darin, mutig zu sein. Ein Risiko ohne Risiken - das ist wie alkoholfreies Bier…Das wäre wie eine volle Schachtel Zigaretten zu haben aber nirgends ein Feuer…”

„Ich rauche und trinke nicht”, wollte Gideon an der Stelle bemerkt haben.

„Vielleicht würdest du aber damit anfangen, wenn du denn wüßtest, dass du trotz Alkohol und Nikotin alt wirst.”

„Ich werde also alt?”

„Das habe ich nicht gesagt, Gideon. Vielleicht hast du auch nur noch zwei Monate. Was wäre, wenn du das heute schon wüßtest?”

Gideon schaute nochmal auf seinen verarzteten Finger. „Ich würde meinen Nachlass regeln. Und mich von meinen Freunden verabschieden.”

„Schön, aber du hättest die ganze restliche Zeit über keinen einzigen Tag ungetrübter Lebensfreude. Wäre es dir das Wert?”

Gideon dachte kurz nach. „Nein. Sie haben Recht, ich will es nicht wissen.”

„Das trifft sich gut.”, sagte der Tod. „denn es gibt so eine Liste auch gar nicht.”
Nicht der Tod entscheidet, wie lange du lebst.
Es ist das Leben, welches entscheidet, ab wann du in einer anderen Liga spielst.”

„Es gibt also ein Leben nach dem Tod? Oder besser gesagt: Nach diesem Leben hier auf Erden?”

„Ja. Aber ein komplett anderes. Ein Dasein, das frei ist von körperlichen Beschwerden und Gelüsten.”

„Also ohne Krankheiten und ohne Schmerzen?”

„Ja … aber leider auch ohne Schweinebraten, Wein, Tabak, und …ähm…du weisst schon.”

„Sie meinen Sex?”, fragte Gideon.
Aber er bekam keine Antwort. Der Tod war verschwunden oder einfach nur unsichtbar.
Nachdenklich ging Gideon in Richtung Ausgang und hatte unvermittelt den Geruch von frisch aufgebrühtem Kaffee in der Nase.

„Aber Musik gibt es dort schon — oder?”, fragte er, sich völlig sicher, dass der Tod ihn noch hören konnte.

„Aber natürlich gibt es dort Musik — Gideon. Musik ist die Verbindung zwischen allem Dasein — sowohl im Raum wie auch in der Zeit.”

Dann verabschiedete sich der Tod von Gideon und Gideon sich vom Tod, und beide gingen ihrer Wege.

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