Gideons Gewichtsprobleme beim Flirten.



Gideon hat eine Frau entdeckt — wunderhübsch und zauberhaft und hinreißend und abgesehen von den Äußerlichkeiten erschien sie ihm sehr freundlich, warmherzig und interessant.
Und das „interessant” war für Gideon ausschlaggebend. Zumindest in Summe mit dem zuvorgenannten.
Also machte Gideon ihr seine Aufwartung, wenn auch nur virtuell bei facebook, aber immerhin und überhaupt ist das heutzutage gang und gäbe. Außerdem ist Gideon ja nicht nur ein Mann von Welt sondern auch einer von hier und heute.

Mehr als 100 Std hat die Zauberhafte ihn zappeln lassen, bis sie seinen Frendschaftsantrag angenommen und ihn auch sofort bzgl ihrer Ambitionen und Erwartungshaltung in Kenntnis gesetzt hat.
Sie würde ihn als netten Kerl einschätzen und wäre erfreut, wenn Sie sich dabei nicht irren würde — wobei sie nicht zu Irrtümern neige.
Und sie wäre hier auch nicht primär aufs flirten aus — übrigens auch nicht sekundär — da ihr eigentlich vorrangig an guten Gesprächen bei einem hervorragendem Essen läge.
Wenn die Gespräche jedoch hervorragend sind, dann würde es auch reichen wenn das Essen nur gut ist.
Und dabei wäre dann auch „leichtes flirten” erlaubt.

Gideon wußte gar nicht, dass es „schweres Flirten” auch gibt, wobei ihm das Flirten früher tatsächlich schwer gefallen ist.
Aber seit er seine „Theorie der Anomalie der Sprache” publiziert hat … weiß Gideon nicht nur welche Worte schwer wiegen — sondern im Umkehrschluß dann natürlich auch, wie ein Satz leichter wird.
Gideon rief sich seine Dissertation kurz ins Gedächtnis:

„Ein einzelner Buchstabe hat kein Gewicht.
Und dennoch wiegt manches Wort schwer.
Und manch hingeworfenes Wort
wiegt sogar schwerer als ein ganzer Satz,
selbst wenn in ihm das Wort vorkommt.”

Dann begann er zu schreiben. Zuerst schrieb er über Essen und zitierte eines seiner Lieblingsrezepte. Wegen seiner hingebungsvollen Art zu kochen klang das Geschriebene schon beinahe wie ein Liebesbrief.
„Nun denn”, sagte sich Gideon, „…dann doch gleich richtig. Also mit der Hand auf echtem Papier schreiben, wie es sich früher gehörte und auch künftig gehören sollte.
Nach einer halben Stunde war Gideon fertig und las den Brief Korrektur. Natürlich nicht wegen der Rechtschreibung, sondern zur Prüfung des Klangs und der Schwingungen. Dabei bemerkte er, dass der Brief voller Komplimente war. Er holte eine Briefwaage, wog jedes einzelne Kompliment nach, und musste mit Erschrecken feststellen: „So geht das nicht. Für zu schwer befunden!”

Knapp eine Stunde später war er mit der Überarbeitung fertig.
Dass der Brief nun mehrere Seiten lang war, hatte einen einfachen Grund:
Leichte Worte haben eine gewisse Länge. Das sieht man schon wenn man die Worte „Leichtigkeit” und „Schwer” vergleicht. Oder „Gänsedaunen” und „Blei”.
Auf jeden Fall war der Brief nun fertig, herzallerliebst und von einer Leichtigkeit, dass man ihn fast mit einem Stein hätte beschweren wollen.

Die Dame am Postschalter hingegen behauptete, der Brief wäre ein paar Gramm zu schwer.
Gideon konnte es nicht fassen. Wollte nicht glauben, dass all die Mühe umsonst gewesen sein sollte.
Er nahm den Brief nochmal an sich, holte seinen roten Fineliner aus der Tasche und malte einen Herz-Smiley auf den Umschlag.
„Bitte — wiegen Sie ihn doch nochmal”, sagte er zu der Postangestellten. „Jetzt sollte er eigentlich etwas leichter sein.”

Die Frau sah das gemalte, lächelnde Herz und drückte zwei Augen zu als sie den Brief erneut auf die Waage legte.
„Stimmt”, flunkerte sie. „Jetzt ist er nicht mehr zu schwer. Wie haben Sie das gemacht?”

„Mit Liebe und Lächeln”, antwortete Gideon, „…wird im Leben alles leichter. Und das gilt auch für Briefe”.

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