Gideon sucht das Glück



Gideon ging auf den Arzt zu und sagte ein klein wenig schüchtern aber freundlich „ Hallo.”

„ Hallo”, sagte der Arzt ebenso freundlich und kein bisschen schüchtern, „ du musst Gideon sein — richtig?”

„ Ja…der bin ich… woher wissen Sie das?”

„ Nun — ich bin Professor Doktor Doktor und da weiß man so einiges. Insbesondere schon deshalb, weil ich hier ein Anmeldekärtchen vor mir liegen habe, auf dem dein Name steht und dein Termin. Samstag 26.01.2013, 11:30 Uhr, Gideon Siebenschön, 46 Jahre, Anmerkung: sucht das Glück.” grinste der Arzt.

Gideon kam sich ein bisschen blöd vor und nickte wortlos.

„ Suchst du das Glück immer noch oder schon wieder?” , wollte der Arzt von ihm wissen.

Gideon überlegte was wohl eher zutrifft. „ Das ist schwer zu sagen. Ich hatte schon einmal Glück und das suche ich wieder, weil es mir abhanden gekommen ist. Andererseits suche ich aber nicht wieder ein Glück, das mir abhanden kommt, sondern eines das mir bleibt. Also ein dauerhaftes Glück — und das suche ich nicht 'schon wieder' sondern 'immer noch'”

„ Oh — Da müssen wir aber ganz tief ansetzen”, meinte der Doktor und forderte Gideon auf, sich vor ein Holzbrett an der Wand zu stellen, auf dem die Umrisse eines Menschen gemalt waren und das zahlreiche Kerben hatte. Gideon tat wie befohlen, stellte sich vor das Brett und gerade als ihm der Gedanke kam, dass dieses Brett ihn irgendwie an eine Messerwerfer-Szene aus dem Zirkus erinnerte, schlug mit nicht zu verharmlosender Wucht ein beeindruckend großes Wurfmesser ziemlich knapp neben seinem linken Arm ins Holz.

„ Himmel nochmal…”, erschrak sich Gideon und sah fassungslos mit weit aufgerissenen Augen den Weißkittel an, der aber kein weiteres Messer in der Hand hielt sondern ganz freundlich sagte: „ Setze dich doch bitte auf die Liege.”

„ Ich weiß nicht.. ”, stammelte Gideon, voller Befürchtungen, was auf der Liege für Überraschungen warten könnten.

„ Setze dich…”, sagte der Doktor nochmals „ …lass uns reden.”

„ Sie haben gerade mit einem Messer nach mir geworfen!?” Der Stimme von Gideon war nicht entnehmbar, ob dies nun ein Vorwurf oder eine Frage war.

„ Ja, habe ich.” , grinste der Arzt, „ und du hast Glück gehabt, dass ich dich nicht getroffen habe.”

„ Glück gehabt?” Gideon traute seinen Ohren nicht. „ Ich vertraue mich ihnen hier an. Ich will doch hoffen, dass das nichts mit Glück zu tun hat und dass sie wissen was sie tun.”

„ Nun — sagen wir mal — ich habe das nicht zum ersten mal gemacht. Aber es gibt da immer gewisse Unwägbarkeiten. Manchmal bin ich unkonzentriert, manchmal bewegt sich der Patient unerwartet, manchmal muss gerade in dem Moment des Wurfes die Sekretärin am Empfang niesen…Aber das wäre dann Pech.”

Gideon glaubte sich in einem schlechten Traum. Kann es sein, dass dieser alte Mann nicht ganz bei Trost ist? „ Sie meinen ernsthaft, ich hatte gerade eben nur Glück? Glück, dass Sie beim Werfen kein Pech hatten?”

„ Jap!” , grinste der Arzt. „ Das gerade eben war pures Glück.”

Gideon warf nochmals einen Blick auf die Wurfscheibe und bemerkte ein paar Kerben innerhalb der Körperkontur. Einige dieser Kerben an durchaus schmerzhaften Regionen und wenn er sich nicht arg täuschte, dann sah der Teppich unterhalb der Wurfscheibe ganz danach aus, als hätte man dort nicht nur einmal den einen oder anderen Fleck zu entfernen versucht. „ Sieht ganz so aus, als hätten hier schon einige nicht ganz soviel Glück gehabt” , meinte Gideon und beschloß diesem Arzt ab sofort nicht mehr blind zu vertrauen.

Ohne darauf einzugehen blätterte der Doktor in einem Buch, las ein paar Zeilen und blickte dann zu Gideon auf: „ Oh — gibts noch etwas, was ich für dich tun kann?”

„ Ach — das wars?”, fragte Gideon. „ Ich bin auf der Suche nach dem Glück und sie werfen mit einem Messer nach mir — nach dem Motto: Bitte schön! Hier gerade eben hattest du das Glück nicht getroffen worden zu sein. Das SOLL die Behandlung, der Rat… das soll es gewesen sein?”

„ Ja — im großen und Ganzen war es das eigentlich schon. Im Grunde gibt es dem nichts hinzuzufügen, es sei denn du möchtest dein Glück nochmals herausfordern?” Der Arzt wies nochmals einladend auf die Wand in Richtung Holzbrett.

„ Nein danke — kein Bedarf!” Gideon zog kopfschüttelnd seinen Pulli an.

„ Das würde ich an deiner Stelle nicht tun” , meinte der Arzt.

„ Was soll ich nicht tun?”

„ Mit dem Kopf zu schütteln. Das ist schlecht für die Halswirbel.”

Gideon schüttelte abermals mit dem Kopf und dachte sich „ nichts wie raus hier.”

„ Ach übrigens..” sagte der Mann zu Gideon, als dieser die Türklinke ergreifen wollte „ … die Kerben an der Wand waren Übungswürfe. Da standen keine Patienten an der Wand.”

„ So? — und die Flecken am Boden?”

„ Schuhe! Immer wieder tragen die Leute den Schmutz von draußen herein. Gideon Siebenschön, 46 Jahre, sucht das Glück.”, redete der Arzt ohne Abzusetzen weiter. „ Ein sehr schöner Name. Ich hatte mit meinem Namen nicht soviel Glück. 46 Jahre — also Jahrgang 66. Ein guter Jahrgang. Gute Musik in der Jugend. Die 80er — das waren noch Zeiten — oder?”

„ Da haben sie Recht”, sagte Gideon und fühlte sich plötzlich verstanden. Er lies die Türklinke los, folgte der einladenden Geste des Arztes und nahm nochmals auf der Liege Platz.

„ Das Glück, welches Du suchst, ist etwas sehr relatives, Gideon. Um es zu finden musst du daher zuerst die Relation finden. Relation ist lateinisch und bedeutet wörtlich übersetzt 'das Zurücktragen'. Besser verständlich ist es im Sinne von 'etwas in Bezug auf seinen Ursprung setzen'. Zum Beispiel wenn es dir gestern schlecht ging und heute besser, dann geht es dir heute relativ gut. Anders herum könnte man auch sagen, es ging dir gestern relativ schlecht. Für die Relation des Glücks braucht man einen Bezugspunkt an dem man es messen kann. Wenn Wir Glück und Pech als Ausnahmen anerkennen — dann ist die Normalität also der Bezugspunkt.”

Der Arzt wartetet ein kurzes Kopfnicken von Gideon ab, um sicherzugehen, dass ihm dieser soweit zu folgen im Stande war.

„ Es stellt sich somit die Frage, was denn normal ist. Nur wenn wir wissen was normal ist, können wir merken, wenn wir Pech oder Glück haben. Vorhin — als dich das Messer ganz knapp verfehlt hat — hattest du da Glück oder Pech?”

„ Ich weiss ja nicht, wie gut sie den Trick beherrschen — ob das jetzt normal war oder bereits Glück nicht getroffen zu werden. Gewiss ist aber, dass ich kein Pech hatte.”

„ Und wenn ich dir jetzt sage, dass ich diese Prozedur allen anderen außer dir erspart habe, wie denkst du dann darüber?”

„ Sie haben das noch nie vorher gemacht?.”

„ Nein — ich habe mich das vorher nie getraut. Du hattest das Pech, der erste gewesen zu sein, bei dem ich meinen ganzen Mut zusammengenommen habe und mich endlich mal getraut habe zu werfen…. aber ist ja gut gegangen.”, grinste der Arzt.

Gideon lief abermals ein kalter Schauer über den Rücken.

„ Man muss einfach nur daran glauben. Einfach Augen zu und durch.”

„ Sie hatten die Augen zu?”

„ Ja, klar. Das Glück muss man fühlen. Im Unterbewußtsein. Mit geschlossenen Augen geht das besser.”

Der Arzt stand auf, drückte Gideon das Wurfmesser in die Hand und stellte sich selbst vor die Wurfscheibe. „ Los, Gideon. probiere es auch mal.”

„ Sind sie verrückt? Ich werde sie verletzen!”

„ Du musst an dein Glück glauben, Gideon. Lass es zu.”

Gideon fixierte einen Punkt neben dem Arm des alten Mannes. Dann schloss er die Augen und warf das Messer. Das Geräusch, wie das Messer im Holz einschlug — blieb aus. Statt dessen hörte er ein schwaches Seufzen und als er die Augen öffnete sah er gerade noch, wie der Doktor am Brett nach unten rutschte. Er eilte sofort zu ihm hin und stammelte: „ Das wollte ich nicht. ..Das war keine Absicht… Ich habe doch gleich gesagt..”

„ Schon gut..”, meinte der Arzt, „ halb so wild. Ist nur eine Fleischwunde. Lass dir bitte von der Sekretärin einen neuen Termin geben und sag ihr sie soll zu mir reinkommen.”

„ Ok- auf wiedersehen… und nochmal…es tut mir schrecklich leid.” sagte Gideon, verließ den Besprechungsraum und begrüßte im Vorzimmer die Sekretärin mit dem Wort: „Gesundheit!”

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