Gideon findet die Mitte



Gideon hob ein Bein und versuchte auf dem anderen Bein stehenzubleiben.
Nach dem vierten gescheiterten Versuch ging er genervt ins Bad und blickte in den Spiegel.

„Was siehst Du?”, fragte ihn sein Spiegelbild.

„Einen alten Mann”, antwortete Gideon spitz und fügte aber noch schnell hinterher „…der aber für sein Alter noch recht gut aussieht.”

„Weißt Du was ich sehe?”, fragte ihn der Spiegel.

„Ja, weiß ich”, sagte Gideon, „Du siehst mich.”

„Das ist gut, Gideon, …wirklich gut erkannt. Wenn Du also wissen willst, was wirklich real ist, dann schau mich nicht an, denn du siehst nur ein Spiegelbild…”

„Noch dazu ein Seitenverkehrtes und fleckiges.”, sagte Gideon und putzte einen Zahnpastafleck vom Spiegel, der sich dafür unverzüglich bedankte.

„Wenn Du also wissen willst, was wirklich real ist,„ wiederholte der Spiegel seinen Satz, „dann schau mich nicht an, sondern frage mich.”

„Ich soll Dich fragen? Was soll ich dich denn fragen?”

„Was weiß denn ich, was du wissen willst!” herrschte ihn der Spiegel an.

„OK, was ist 3 + 5?” fragte Gideon den Spiegel.

„???” Der Spiegel schaute Gideon verständnislos an. „Ist das ein Witz?”

„2 x 4 ?” Gideon grinste.

„Sag mal, schau ich aus, als hätte ich einen Taschenrechner verschluckt?”

„Na gut — Mathe ist also nicht deine Stärke. Wie spät ist es?”

„17:40!” sagte der Spiegel triumphierend, nach einem kurzen Blick auf Gideons Uhr.

Gideon kontrollierte die Uhrzeit und meinte, „Ja, das stimmt, aber dazu hätte ich dich nicht gebraucht. Wenn ich die Uhrzeit wissen will, kann ich auch selber auf die Uhr schauen.”

„Stimmt — warum hast du mich dann gefragt?”

„Du wolltest, dass ich dich was frage.”

„Ja, aber etwas sinnvolles.”

„…als da wäre?”

„Na zum Beispiel…,” der Spiegel überlegte einen Hauch zu lange.
„Ich weiß eine Frage” fiel ihm Gideon ins Wort, „sag mir wie ich aussehe.”

„Lächle mal” forderte der Spiegel ihn auf.
Gideon setzte ein gezwungenes Lächeln auf.
„Jetzt, siehst du aus, als würdest du lächeln” sagte der Spiegel.

„Ja, das sehe ich selber” meinte Gideon. „Du erzählst mir nichts neues. Du sagst mir da nichts anderes, als ich auch im Spiegelbild erkennen kann.”

„Wirklich nicht?” fragte der Spiegel.

Gideon setzte nochmal sein gezwungenes Lächeln auf und prüfte das Bild im Spiegel.
„Nein ich sehe mich, wie ich lächle.”

„Und ich sagte dir, du siehst aus, als würdest du lächeln”

„Erkenne den Fehler? Ich versteh kein Wort” seufzte Gideon.

„Ist doch ganz einfach. Gideon. Du siehst im Spiegel wie du lächelst. Aber die Realität, die ich sehe, ist eben diese, dass es nur so aussieht als würdest du lächeln.”

Gideon setzte abermals ein gezwungenes Lächeln auf und fragte den Spiegel, „Du meinst das sieht nicht echt aus?”

„Nein — Gideon, das tut es nicht. Bei weitem nicht. Und jeder kann das sehen. Jeder — hörst du? Jeder sieht das, dass dein Lächeln nicht echt ist. Jeder sieht, dass du traurig bist. DAS ist die Realität — verstehst du? Du kannst dich selber täuschen, wenn du in den Spiegel lächelst — aber du änderst damit nicht die Fakten.”

Jetzt schaute Gideon tatsächlich betrübt drein und sogar sein Spiegelbild sah betrübt aus und noch bevor Gideon fragen konnte sagte der Spiegel auch schon: „Jetzt lass den Kopf nicht gleich hängen.”

„Und jetzt?”

„Was jetzt?”

„kannst Du mir helfen?”

„Vielleicht. Wenn du mir mal erklärst, warum du traurig bist?”

„Na, …weil ich vorhin versucht habe auf einem Bein zu stehen, und dabei immer das Gleichgewicht verloren habe”

„Warum wolltest du auf einem Bein stehen?”

„Einfach so — mir war danach!”

„Versuch es mal”

„Jetzt? Hier, vor dem Spiegel?”

„Nein. Jetzt, hier vor mir.”

Gideon hob das rechte Bein und verlor unverzüglich das Gleichgewicht.
„Du musst deine Mitte suchen” meinte der Spiegel.

„???„ Gideon sah den Spiegel ernst an, „wird das hier jetzt esoterisch oder spirituell? Da san mer fei scho glei durch mit dem Gespräch.”

„Also erstens: Nein weder spirituell noch esoterisch. Zweitens tue ich mich mit deinem Dialekt schwer. Drittens — ich meine deine Körpermitte in der Senkrechten — nicht die in der Vertikalen”

„Lass meinen Bauch da raus.”

„Gideon — jetzt bleib doch locker. Ich will dir helfen.”

„Also?”

„Also — beuge dich mit deinem Oberkörper mal nach links. Herrgott nicht so steif und ohne dir die Rippen zu brechen. Einfach in der Hüfte ein bisschen einknicken.”

„SO?”

„Ja gut. Genau so. Und nun hebe das rechte Bein an.”
Gideon zögerte kurz, folgte aber dann der Anweisung und stand da auf einem Bein — ohne umzufallen.
„Schau mich mal an” sagte der Spiegel, „Was siehst du?”

„Ich sehe mich, wie ich auf einem Bein stehe.”

„Ja, toll. Aber — mehr siehst Du nicht?” wollte der Spiegel wissen.

„was soll ich denn mehr sehen?”

„Willst du wissen, was ich sehe? Willst du die Realität hören?”

„Was siehst du?”

„Ich sehe, dass du jetzt lächelst.”

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