Die Geschichte vom bissigen Dorf


„Am Anfang, als Bissingen noch im Entstehen war, wurden 28 provisorische Reihenhäuser nach und nach aus dem Boden gestampft. Aber nicht eins nach dem anderen, nein, beinahe gleichzeitig wurde an allen Ecken und Enden gebaut. Das war damals einfach so, und zwar nicht nur bei uns, sondern im gesamten Landkreis. Man könnte sagen, es entstand eine eigene kleine Welt. Ich will jetzt wirklich nicht überheblich klingen, aber ohne uns wäre die Entwicklung der gesamten Region wohl kaum so zügig vorangeschritten.

Wir hatten von Anfang an eine wichtige Rolle im Landkreis. Die anfallenden Arbeiten erforderten ein selbstloses Verhalten aller Bewohner. Deshalb war Bissingen auch kein zufälliges Aufeinandertreffen von Häuslebauern, sondern ein wirklich bis ins letzte Detail geplantes Projekt des Landrates. Er vergab die Grundstücke nur an ausgewählte, geeignet erscheinende Bauherren, und dies auch nur in Verbindung mit strengsten Vorschriften. So waren zum Beispiel die Bebauungspläne strikt einzuhalten, Teamarbeit war Pflicht und krankheitsbedingte Ausfälle einzelner Bewohner hatten unverzüglich dem Landrat gemeldet zu werden. Das klingt zwar alles sehr bürokratisch, es war aber nötig, um eine funktionierende Gemeinschaft zu gewährleisten. Und genau das waren wir: eine funktionierende Gemeinschaft, die ihren Pflichten nachkam und geduldig auf die Freigabe weiterer staatlicher Mittel wartete. Damals war ja die gesamte Region am Wachsen und Sich-Ausdehnen und der Landkreis hatte natürlich viele tausend Gemeinden zu erschließen und leider keinen unbegrenzten Etat für Bauvorhaben.

Es dauerte rund vier Jahre, bis die beiden einzigen Straßen in Bissingen fertig gestellt und die Häuser erschlossen waren. Nun konnten endlich die provisorischen Gebäude nach und nach abgerissen und durch solide Eigenheime ersetzt werden. Einige, die ihren Hausbau zu weit hinausgezögert hatten, mussten feststellen, dass ihre Nachbarn sich recht breit gemacht hatten und die kleine, ihnen zur Verfügung stehende Lücke für ihr Bauvorhaben gar nicht ausreichte. Da gab es dann kleinere Reibereien. Ganz Verwegene bauten einfach etwas mehr in die Tiefe oder sichtbar aus der Reihe tanzend nach vorne. Dies war wohl die erste Krise in unserer Gemeinschaft und prompt schickte uns der Landrat einen Vermessungstrupp und Landschaftsgärtner in den Ort. Die Häuserreihen wurden daraufhin alle eingezäunt, bis sich auch der Letzte an diese Grenzlinie hielt. Man wurde sich dann auch schnell einig, zumal der Zaun alles andere als praktisch oder angenehm war.

Während der Bauphase waren alle noch ziemlich mit sich selbst beschäftigt, danach gab es fast nur noch gemeinsame Arbeiten. Egal was zu tun war, man teilte es auf alle Bewohner auf, wechselte sich ab und half, wo man konnte. Und wenn ein Bewohner krank war, wurde seine Arbeit einfach von den anderen miterledigt. Ein Musterbeispiel an Teamwork und Gemeinschaftsgeist - das waren wir, die Bissinger.

Da unser Dorf so klein und dicht besiedelt war, pflegte ich zu gewissen Uhrzeiten Blickkontakt mit der gesamten Nachbarschaft. Gespräche hatte ich aber, ehrlich gesagt, nur mit dem rechten Nachbarn und kleine Reibereien hin und wieder mit dem von gegenüber. Mit dem Nachbarn zu meiner Linken ist der Kontakt leider völlig abgebrochen. Er musste aus gesundheitlichen Gründen wegziehen. Es begann mit ganz leichten Schwächeerscheinungen, die dann zum Arbeitsausfall führten. Trotz der Meldepflicht verschwiegen wir dem Landrat diesen Ausfall so lange es ging, um einen Besuch des Gesundheitsamtes zu vermeiden. Der Landrat bemerkte jedoch eine nachlassende Gemeindetätigkeit Bissingens und schickte uns wieder einmal den Landschaftsgärtner - diesmal ohne Vermessungstrupp, aber mit einem Unternehmensberater. Zuerst wurden eine Volkszählung durchgeführt und lästige Fragen an alle Bewohner gestellt. Dann verschwanden die Gäste wieder und kurze Zeit später kam ein ganzer Abrisstrupp und sorgte neben mir für eine hässliche Lücke in der sonst so makellosen Reihe. Einige Monate später fragte ich beim Landrat höflich an, ob man das brachliegende Grundstück denn nicht wieder bebauen wolle. Daraufhin teilte man mir mit, die Gemeinde könne es sich momentan nicht leisten, hier zu investieren, zumal erst kürzlich vier zusätzliche Bauplätze im Ort bewilligt worden wären, die von Anfang an eingeplant und bislang nur aus Platzgründen hätten nicht realisiert werden können.

Vor ein paar Jahren hatte ich ein kleines Problem mit meinen Außenwänden. Das Landratsamt ließ daraufhin ein Finanzierungskonzept erstellen, und bei dieser Gelegenheit sollte auch die Häuserlücke neben meinem Grundstück geschlossen werden. Aus Kostengründen wurde hierbei jedoch auf einen Keller verzichtet und statt einem eigenen, soliden Fundament, stützt sich der Neubau nun einfach an den Häusern zur Rechten und Linken ab. Das Ganze nennt man dann „sozialen Wohnungsbau”, aber ich habe damit wirklich kein Problem. Schließlich sind wir eine Gemeinschaft, halten zusammen und helfen einander. Dennoch ist uns der Neue immer irgendwie fremd geblieben. Er ist meistens über Nacht spurlos verschwunden und kommt erst morgens wieder - ohne zu sagen, wo er war. Da ist es doch ganz verständlich, wenn man etwas befremdet reagiert. Na, wenigstens ist er friedlich.

Auf der anderen Seite unserer Gemeinde ist ebenfalls ein Neuer zugezogen, der sich furchtbar breit macht und überhaupt keinen Abstand zu seinen Nachbarn hält. Keine Spur von Bedürftigkeit, im Gegenteil. Er hat Kohle ohne Ende, vermutlich an der Börse verdient in den Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs. Seine Wände sind aus purem Gold und mit sündhaft teurer Keramikware verkleidet. Es geht sogar das Gerücht um, das Fundament seines Hauses sei aus purem Titan. Ich glaube das gerne, denn er scheint mir absolut gefeit gegen alle Attacken des Lebens. Nie habe ich ihn jammern hören, nicht ein einziges Mal ging an seinem Haus etwas kaputt. Als sein Nachbar ein Loch im Dach hatte, hat er ihm gönnerhaft einen goldenen Erker aufs Dach machen lassen. Nobel, nobel, könnte man sagen, aber ich halte ihn einfach nur für einen Snob. Ich sehe durchaus ein, dass es auch zu unseren Aufgaben gehört, nach außen ein schönes Bild abzugeben, und dass der Snob dazu erheblich beiträgt. Doch er tut so, als wäre er etwas Besseres. Da sind mir persönlich die „echten” Bissinger viel mehr wert. Erzähle aber bitte niemandem, dass ich das gesagt habe! Wenn die im Landrat von diesen kleinen Feindseligkeiten Wind bekommen, dann schicken sie uns womöglich noch einen dieser Ikea-Stadtplaner; so einen mit einem Faible für pflegeleichte Fertigreihenhäuser, von denen du mir mal erzählt hast.”

„Das wäre dann euer Ende”, sagte die Zunge freundlich und machte beim Gedanken an eine stumme Prothese als Großhändler und Importeur ein verbissenes Gesicht. Geschwätzig wie sie nun mal ist, wird sie niemals müde, sich Tag für Tag die selbe Geschichte Bissingens aus verschiedenen Blickwinkeln der Zähne anzuhören. Und dieser Zahn hier ist ihr der liebste, weil er sie für einen Moment fast vergessen ließ, wo sie sich befindet.


(Nun, lieber Leser, bitte ich Dich, diese Geschichte noch mal zu lesen und dabei ausschließlich einen Bezug zu einer doppelten Zahnreihe zu sehen ;-)

Mit freundlichen Grüßen

Gerhard Feil

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