Was mein Audi mit dem Urheberrecht zu tun hat

oder: Der elementare Verfall der Werte

Stellen Sie sich mal vor, die gesamte Belegschaft von Audi hätte sich in der Betriebsanleitung meines Autos namentlich erwähnt wissen wollen. Als ob es mich interessieren würde, wer den linken Außenspiegel montiert hat, oder wer dafür verantwortlich ist, dass der Luftmassenmesser von der Firma *** zugeliefert wurde. (Beim Luftmassenmesser würde es mich allerdings TATSÄCHLICH interessieren; immerhin war das Teil innerhalb von vier Jahren dreimal defekt.) Aber nein, natürlich erwähnt man da nicht alle 100.000 Verantwortlichen mit ihrem Namen. Genaugenommen erwähnt man nicht einmal einen einzigen.

Stattdessen schreibt man „Audi” auf das Auto und schmückt es an diversen Stellen zusätzlich mit dem Firmenlogo. Das soll und muss reichen, denn hinter Audi verbirgt sich der ganze Tross an Mitarbeitern. Ein Jeder davon ist am Endprodukt irgendwie beteiligt, und gemeinsam teilen sie sich den Erfolg oder gegebenenfalls den Misserfolg. Das ist ganz einfach in etwa so wie beim Fußball: Selbst wenn Rudi alle drei Tore geschossen hat und die Mannschaft damit zum Sieg führte - am Ende ist nicht Rudi der Gewinner, sondern seine Mannschaft.
(An dieser Stelle schlage ich einen weiten Bogen im Text. Treten Sie also bitte kurz einen Schritt zurück.)

Also, wenn meine Musik-CDs nicht zufällig gerade in meinem Auto lägen, dann könnte ich Ihnen jetzt vorlesen, was da so alles auf den Covern steht. Da werden Lied-Texter, Sänger und Musiker bis ins Detail aufgelistet. Und natürlich auch der Produzent und die Gema etc. etc. OK, wenn der Texter den Text mit allen RECHTEN verkauft hat, kann es ihm passieren, dass er unterschlagen wird. Aber das war dann wohl auch Vertragsgegenstand des Verkaufes. Oder es war dem Texter einfach nur peinlich und er wollte gar nicht erwähnt werden. (Also, bei vielen Liedtexten MUSS es dem Texter peinlich gewesen sein, sag ich jetzt mal so.)

Jedenfalls, worauf ich hinaus will: Die Leute werden meistens namentlich erwähnt, um nicht zu sagen, ihr Name steht drauf. Schauen Sie einfach mal nach, falls Sie mir das jetzt nicht glauben. Bei den CD's ist das meistens auf einer der Innenseiten der Cover. Dazu müssen Sie das Cover aus der Plastikhüllle rausnehmen. Wenn Ihnen das zu umständlich ist, dann schauen Sie sich einfach mal einen Spielfilm an. Da müssen Sie nämlich keine Cover aus Plastikhüllen zerren, sondern können ganz entspannt im Vor- und Abspann sämtliche Mitwirkende nachlesen. Abgesehen von den Statisten und ein paar hundert Technikern, die nicht erwähnt werden. Für die gilt aber in etwa das Gleiche, wie für den Audi-Mitarbeiter oder den Fußballverein. Der Teamgedanke und das Olympische Prinzip.

Nun werden Autos und Fußballvereine nicht wirklich oft „raubkopiert”, würden Sie jetzt vermutlich sagen, wenn Sie denn wüssten, worauf ich eigentlich hinaus will.
„Aber die Musik- und Filmindustrie leidet sehr darunter”, würde ich dann entgegenhalten.

Das Stichwort fiel bereits. Raubkopie! Einst kaufte man sich eine LP (mitsamt dazugehörigem Cover) und kopierte daraus alle Lieder auf Kassette. LPs und Kassetten sind den Jüngeren unter Ihnen vielleicht kein Begriff mehr, dafür kennen die dann Mp3 und brennen sich in der Mittagspause Raubkopien aus dem Internet auf CD.

Wie auch immer - bei all diesen Kopier- und Vervielfältigungsmaßnahmen gehen fast immer die Cover verloren. Oft machen sich die Menschen zwar noch die Mühe, den Namen der Band und den Songtitel irgendwo festzuhalten, aber dabei kommen dann so Sachen heraus wie „ceili_minok_in_jur_eis”. Also, wenn hier vom Original-Cover abgeschrieben worden wäre, würde es „Kylie Minogue: In your eyes” heißen. Hätten Sie das erkannt?

Empfinde wirklich nur ich das als traurig, dass der Menschheit offenbar immer mehr der Sinn für die „Macher” abhanden kommt? Ich rede nicht mal gegen das Raubkopieren im allgemeinen. Die Musikindustrie ist ja nicht ganz unschuldig daran, wenn sie erst einen Bedarf schaffen und dann so unverschämte Preise für die Silberscheiben verlangen.
Mir geht es hier überhaupt nicht um den finanziellen Schaden - es geht mir ausschließlich nur um den Verlust der Coverangaben. (Wenn Sie bitte noch einmal einen Schritt zurücktreten könnten, ich schlage einen weiteren großen Bogen. Sie könnten dies auch dazu nutzen um aufs Klo zu gehen)

Das elementare Bewusstsein des Ursprungs (WOHER die Dinge kommen) geht verloren.
Heutzutage sind die Dinge einfach da. Ein Auto, zum Beispiel, kommt von Audi oder BMW.
Genauer will es offenbar keiner wissen.

Wussten Sie eigentlich, dass Tomaten nicht aus dem Supermarkt sondern gewöhnlich von einer Pflanze stammen, um die sich übrigens irgendein Mensch (mehr oder weniger umweltbewusst) gekümmert hat? Zumindest erfahren Sie im Supermarkt, dass die Tomaten aus Holland kommen. Mir persönlich reicht diese Info dann auch schon, um den Tomaten keine weitere Beachtung zu schenken. Ich käme nicht im Traum auf die Idee zum italienischen Mozzarella Tomaten aus Holl… (hier brechen wir mitten in der Themaverfehlung einfach ab und konzentrieren uns wieder aufs Wesentliche - das elementare Bewusstsein für den Ursprung)

Der Strom kommt nicht aus der Steckdose? Doch, genau das tut er. Aber er entsteht nicht dort. Würden Sie Ihre elektrische Zahnbürste direkt an einem Atomkraftwerk anschließen?
Oder Ihren Staubsauger am Schornstein eines Kohlekraftwerkes? Vermutlich nicht.
Nun ist Strom leider gar nicht kopierbar und somit gibt es beim Strom auch keine Raubkopien. Also, schon wieder eine Themaverfehlung?

Nein - wir sind beim Bewusstsein für den Ursprung, und vielleicht ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass auf dem Strom kein Name steht. Nein, der Hersteller heißt nicht „Wechselstrom” und auch nicht „220 Volt”. Den Herstellernamen finden Sie bestenfalls im Kleingedruckten Ihrer Stromrechnung - aber diesen Angaben würde ich persönlich nicht trauen. Jedenfalls sollten Sie sich Ihren Stromhersteller besser nicht als idyllische Schrebergartenanlage vorstellen.

Das eigentliche Problem ist, dass Sie sich vermutlich überhaupt nichts vorstellen. Deshalb läuft bei Ihnen ja auch der Fernseher das ganze Jahr über im Stand-by, während Sie in einem Buch lesen. (Klasse Überleitung, wie sie gleich bemerken werden.)

Haben Sie sich schon mal ein Buch genauer angesehen? Ich meine jetzt nicht aus drei Metern Entfernung. Es geht nicht darum, ob das Buch sich gut im Regal macht oder der Farbton des Einbandes sich mit der Tapete beißt. Sie finden auf einem Buchcover gewöhnlich den Titel, die Namen von Autor und Verlag. Das ist das Minimum. Oft finden Sie aber im Inneren des Buches sogar noch Copyright-Hinweise, Widmungen, Danksagungen, Quellenangaben und vieles mehr.

Wozu eigentlich? So ein Buch soll doch im Grunde nur eine Geschichte erzählen, unterhalten oder Informationen zu einem Thema liefern.
„Wen juckt schon Autor und Verlag.”, sagen Sie zu mir und meinen das ernst.
„Der Text zählt.”, sagen Sie, „Ich kaufe ja den Text und nicht den Autor”.

Nun stellen Sie sich bitte mal vor, Sie haben eine wundervoll geschriebene Geschichte gelesen, die mit den Worten „Fortsetzung folgt…” endet. Wie bitte kommen Sie denn nun an die Fortsetzung, wenn Sie nicht den Autorennamen, geschweige denn den Verleger wissen?
Und selbst wenn Sie Glück haben und eine Geschichte mit dem selben Titel und dem Zusatz (Teil 2) finden - wie finden Sie weitere Werke dieses begnadeten Schriftstellers?

Ich werte ihr Schweigen an dieser Stelle als Punktsieg auf meiner Seite.

Um zu einem Ende zu kommen: Wenn Sie im Internet einen Text finden, der so toll ist, dass Sie ihn unbedingt weiterverbreiten wollen, dann vergessen Sie bitte nicht den Namen des Autors anzugeben. Das ist das Mindeste, was Sie tun sollten und was man von Ihnen verlangen darf. Selbst, wenn Sie den Text bereits ohne Autorennamen gefunden haben, berechtigt Sie das nicht, diese Namensunterschlagung zu forcieren, indem Sie weitere namenlose Kopien verbreiten.

Ist es denn wirklich SO SCHWER, eine Zeile aus dem Text zu kopieren und in einer Suchmaschine nach dieser „Phrase” zu suchen?
Diese Suche führt meist innerhalb weniger Minuten zum Autorennamen.

Oder kommt Ihr Strom nach wie vor auf wundersame Weise aus der Steckdose, die Tomaten vom Supermarkt und Musik, Gedichte und Geschichten schreiben sich VON SELBST im Internet?

Also wenn Sie damit Recht haben, dann frage ich mich, wozu ich mir hier die Mühe mache.

freundlichst
Ihr Gerhard Feil

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