Hingabe (für drei Personen)


Wir beginnen diese Geschichte auf einem Weizenfeld. Haben Sie schon einmal ein Weizenfeld aus der Nähe betrachtet? Womöglich sogar mit den Händen berührt? Den Duft des blühenden Weizens gerochen?

Aber soweit sind wir noch nicht; genau genommen ist es der Weizen nicht.
Noch pflügt hier ein Landwirt - nennen wir ihn Giacomo - mit einem alten Traktor die Erde, um sie für die Saat vorzubereiten. Ob Giacomo ein junger, muskulöser oder ein ergrauter aber noch rüstiger Mann ist, überlasse ich Ihrer Fantasie. Verstehen Sie mich nicht falsch. Es ist keineswegs egal, wie Sie ihn sich vorstellen. Wichtig ist nur, dass er genau so ist, wie er Ihrer Meinung nach sein sollte.

Es ist Herbst, als Giacomo den Weizen aussät und damit erneut einen Kampf beginnt. Mit der Natur und zugleich gegen die Natur. Während die Sonne und der gelegentliche Regen den Weizen in die Höhe sprießen lassen, muss er immer wieder Düngen und Bewässern. Gegen Schädlinge und Unkraut verteidigt er sein Feld mit Erfolg. Aber wenn heftige Unwetter große Teile seiner Ernte bedrohen, kann er nur tatenlos zusehen und das Beste hoffen.

Tun Sie mir den Gefallen und denken Sie sich, dass der Landwirt das alles gerne macht.
Zum einen liegen Sie damit richtig, zum anderen wird es Sie dann auch nicht zu sehr überraschen, wenn ich Ihnen erzähle, dass er seine Arbeit sogar liebt. So hart, mühsam und schweißtreibend sie auch sein mag - er liebt sein Land, die Sonne und den Regen. Er liebt auch den Wein und das Essen. Vor allem aber liebt er seine Frau Dorothea.

Im Frühjahr blickt Giacomo oft über sein Feld und wiegt seinen Kopf im selben Takt wie die Halme im Wind. Bald ist Erntezeit, viel Arbeit also. Für Giacomo bedeutet dies aber auch, dass er bald Geld bekommt. Dann kann er Dorothea diesen modernen Kühlschrank mit verschiedenen Temperaturebenen kaufen, den sie sich schon so lange wünscht.

Im Sommer, wenn Giacomo die Ernte eingefahren hat, wird es für uns Zeit, den Müller in die Geschichte zu bringen. Würden Sie jetzt an eine moderne industrielle Großmühle denken, könnte ich an dieser Stelle abbrechen und mir einen anderen Leserkreis suchen. Aber - Gott sei Dank - denkt man bei Mühlen noch immer zuerst an schnuckelige uralte Mühlen mit Mühlrädern aus Holz, die von einem plätschernden Bach angetriebenen werden. Und genau so eine hat der Müller aus unserer Geschichte. Klingt wie ein Klischee - aber ich kann es nicht ändern. Und weil wir gerade bei Klischees sind: Natürlich gibt es auch eine Müllerin, denn so eine Mühle zu betreiben macht viel Arbeit. Allein würde der Müller das gar nicht schaffen, wenn ihm nicht seine Frau die Buchhaltung machen, alles schön sauber halten und ihren Müller auch anderweitig bei Laune und Kräften halten würde. Einer dieser Aufmunterungen entsprang seine Tochter Sophia.

Giacomo ist zufrieden. Sein Acker ist voller großer runder Strohballen und der Müller hat ihm einen guten Preis für den Weizen gemacht. Traditionell wurde der Preis draußen am Bach vor dem Mühlrad ausgehandelt und die Vereinbarung anschließend mit einem Gläschen Grappa besiegelt.
„Wenn du Mehl von deinem eigenen Korn möchtest, musst du bis nächste Woche warten. Im Speicher sind noch gut 20 Zentner Weizen von Guido.”
„Ich werde nächste Woche kommen! Aber - hier habe ich noch etwas, für Sophia.”
Giacomo hatte wie jedes Jahr einen Kranz aus Weizenähren für Sophia geflochten. Er macht diese Kränze gerne und er liebt es, sie zu verschenken. Aber Giacomo ist nicht der einzige, der Sophia kleine Geschenke macht.

Sophia ist mit Abstand das bezauberndste Mädchen, das Sie sich nur vorstellen können. Sie ist für ihre fünfzehn Jahre bereits ziemlich groß und verdreht mit ihrem jugendlichen Lächeln Männern aller Altersgruppen binnen Sekunden den Kopf.
Aber Sophia hat ganz andere Interessen. Wann immer sie Zeit findet, steckt sie ihren Kopf mit den langen schwarzen Haaren in Bücher.
„Wenn du zu klug wirst, wird dich kein Junge mehr haben wollen”, sagt ihr Vater oft scherzhaft, und fängt sich jedes Mal einen strengen Blick seiner Frau ein. „Oder du musst dann die Buchhaltung machen”, ergänzt ihre Mutter meistens lachend.
Sophia findet, dass man gar nicht schlau genug sein kann.

Eines Morgens erzählt der Bäcker Sophia, dass sein Brot etwas ganz Besonderes sei. „Ausgerechnet heute, an dem Tag wo sein Kollege einen freien Tag hat, muss auch noch der Lehrling krank sein. Deshalb habe ich die Brote ganz allein machen müssen. Vom stundenlangen Kneten des Teiges bis hin zum Backen. Und ich knete mit der Hand!” Stolz zeigt er auf das mit Broten gefüllte Regal.
Sophia steht still da und nickt. Sie wollte eigentlich nur ein Brot kaufen und dann gleich weiter, aber sie kann den Bäcker unmöglich unterbrechen. Das wäre unhöflich.
„All diese Brote hier!” sagt er, „Und dazu kommen noch die Brioche.”
„Wir wären verhungert, wenn wir Sie nicht hätten!”, sagt Sophie scherzhaft, aber der Bäcker nimmt das sehr wörtlich.
„Wer will schon Wurst oder Käse ohne Brot essen? Sag mir das mal! Soll man Marmelade pur essen? Das geht doch gar nicht.”
„Nein, das geht natürlich nicht.” Sophie muss lachen.
„Brot! Brot kannst du alleine essen. Ohne Beilagen. Das schmeckt und sättigt.”
Für Sophia schmeckt Brot nach Brot, und im Grund eigentlich nach dem, womit man es belegt. Jedenfalls schmeckt es nicht so berauschend, dass man ihrer Meinung nach darüber derart in Verzückung geraten könne.
Aber das sagt sie dem Bäcker natürlich nicht.
„Ich versuche es, wenn ich Zuhause bin. Jetzt muss ich aber wirklich gehen, meine Eltern warten bestimmt schon auf das Frühstück.”
„Ja, ich habe ja auch noch eine Menge zu tun", meint der Bäcker, "sag deinem Vater einen schönen Gruß von mir.”

Beim Frühstücken erzählt Sophia von ihrer Unterhaltung mit dem Bäcker und wie witzig das doch sei, dass ihr gestern Padre Stefano aus der Ölpresse etwas ganz anderes gesagt habe.
„Padre Stefan sagte, dass Brot nach gar nichts schmeckt und erst durch sein Olivenöl zu einem Genuss würde.”

Padre Stefano hat alle Hände voll zu tun, denn es ist Dezember und in diesem Monat wird das Olivenöl gepresst. Er muss die Oliven mahlen, den Olivenbrei auf Bastmatten streichen und in seiner alten Turmpresse auspressen. Anschließend wird das Öl zum Dekantieren in die großen, alten Keramikkrüge gefüllt. Dort setzt sich das Fruchtwasser allmählich am Boden ab und kann über einen Abfluss abgelassen werden. Das reine Olivenöl wird dann von oben mit einer Holzkelle geschöpft, auf seinen Säuregehalt geprüft und in Flaschen abgefüllt.
„Extra Vergine native - jungfräulich, kaltgepresst aus erster Pressung”, sagt er und schimpft über die großen Konzerne, die mit heißem Wasser dem Olivenbrei weit mehr Öl abgewinnen und sich durch die Verwendung von Zentrifugen das mühsame Schöpfen von Hand sparen.
„Was dabei herauskommt, ist meistens sogar noch minderwertiger als das zugekaufte Öl, mit dem sie ihr Olivenöl zuletzt noch verpanschen.”
Padre Stefano schaut gen Himmel an die rustikalen Eichenbalken seines Kellergewölbes: „Herr, wenn Jungfräulichkeit zu etwas nütze ist, dann doch wohl beim Olivenöl.”

Guiseppe, der Sohn des Olivenbauern, ist enttäuscht.
Zum einen hat der Begriff „Jungfräulichkeit” für ihn noch einen ganz persönlichen unangenehmen Beigeschmack, denn mit seinen siebzehn Jahren ist er alles andere als glücklich mit seiner „Jungfräulichkeit”. Außerdem hatte er gehofft, Öl von den eigenen Oliven zu bekommen. Aber die Ernte fiel in diesem Jahr gering aus.
„Die Matten sind bereits durchtränkt mit Öl aus den vorangegangenen Pressungen. Es lässt sich nicht vermeiden, dass sich das Öl deiner Oliven mit dem der anderen mischt.”, erklärt ihm der Padre.
„Können wir nicht trockene, unbenutzte Matten nehmen?”, fragt Guiseppe.
„Erstens habe ich keine trockenen mehr, und zweitens wäre die Ausbeute einfach zu klein.”
„Das ist schade”, sagt Guiseppe, „die Ernte war mäßig, aber die Qualität um so besser.”
Der Padre versteht Guiseppes Wunsch nur zu gut. Alle wollen am liebsten ihr eigenes Produkt. „Frag deinen Vater, ob er eine Woche auf dich verzichten kann. Ich könnte hier Hilfe gebrauchen und wenn du mir ein wenig zur Hand gehst, könnten wir die alte kleine Schraubpresse herrichten. Dann kannst du deine eigenen Oliven pressen und von Hand schöpfen.”
Guiseppe ist begeistert. Es wird schwer werden, sich eine Woche freizunehmen, denn das Beschneiden der Bäume ist für den alten Herrn sehr mühsam und die Tage sind kurz.
„Ich könnte auf jeden Fall mittags und abends, sogar in der Nacht!”, sagt er.
„Ich sage es dir aber gleich!”, warnt ihn der Padre, „Das wird kein Kinderspiel mit der alten Presse. Das macht eine Menge Arbeit!”,

Sophia fährt mit ihrem Roller oft mittags am Olivenhain von Guiseppes Vater vorbei.
Normalerweise grüßt Guiseppe sie immer freudig, so dass seine weißen Zähne in seinem sonnengebräunten Gesicht strahlen. Sophia mag Guiseppe und wundert sich, dass er in der letzten Woche nicht mit seinem Vater zusammen bei den Oliven war.
„Wo ist denn Guiseppe?”, fragt sie, „Ich habe ihn die ganze Woche noch nicht gesehen.”
„Er hilft bei Padre Stefano beim Ölpressen. Als hätten wir hier nicht selbst genug Arbeit.”
Guiseppes Vater wischt sich mit einem Taschentuch den Schweiß aus dem Gesicht.
„Viel Holz in diesem Jahr, aber kaum Oliven.”, sagt er und zeigt auf die Anhäufungen abgeschnittener dünner Äste. „Die Bäume haben sich im letzten Winter vom warmen Wetter täuschen lassen und viel zu früh ausgetrieben. Sieh nur, dieser hier, siehst du wie ihm der Frost zugesetzt hat? Ich werde ihn fällen müssen. Es ist ein Jammer!”

Guiseppe ist stolz und glücklich, als er seinen Eltern eine Kostprobe des selbst gepressten Olivenöls präsentiert.
„Ausschließlich aus unseren Oliven?” Sein Vater kann es gar nicht oft genug hören.
„Jeder einzelne Tropfen!”, beteuert Guiseppe immer wieder.
„Und der Padre verlangt keinen Anteil?”
„Im Gegenteil, er hat mir sogar noch vierzig dieser kleinen Flaschen geschenkt - für meine Hilfe beim Restaurieren der alten Presse.”
Guiseppe spricht mit seinem Vater noch über die Qualität, den Säuregehalt und den möglichen Verkaufspreis, aber seit sein Vater ihm ganz nebenbei schöne Grüße von Sophia ausrichtet hat, ist er mit den Gedanken nicht mehr ganz bei der Sache.
Insgeheim schwärmt er schon lange für Sophia. Und durch den Erfolg mit dem eigenen Öl in seinem Selbstbewusstsein gestärkt, beschließt er, Sophia nächste Woche endlich einmal ins Kino einzuladen.

Sophia hatte sich für „Die fabelhafte Welt der Amélie” entschieden und es nicht bereut. „Der Film war große Klasse!”, sagt sie, als Guiseppe sie nach dem Film heimbringt.
Für eine Sekunde haben beide den Gedanken, sich zum Abschied einen Kuss zu geben. Aber wie das mit den Sekunden nun mal so ist - sie huschen vorüber. Guiseppe räuspert sich und überreicht ihr schüchtern eine kleine, hübsche Flasche.
„Hier, für dich. Ich habe es selbst gepresst.”, sagt Guiseppe und fügt noch hinzu: „Es ist wirklich ein gutes Öl.”
Sophia fühlt sich ein wenig um den Kuss betrogen. Sie bedankt sich für das Öl und gibt Guiseppe zum Abschied die Hand. „Es war ein sehr schöner Abend, Guiseppe.”

Die Betriebsanleitung des neuen Kühlschrankes ist in Englisch geschrieben und auch wenn man an einem Kühlschrank wohl nicht allzu viel falsch machen kann, wüsste Giacomo doch gerne, was da geschrieben steht. Also bittet er Sophia vorbeizukommen, und wenig später sitzt sie in der Küche bei Giacomo und Dorothea und übersetzt Satz für Satz, während die beiden gespannt zuhören. Als sie fertig ist, macht sich Giacomo noch ein paar Notizen, bevor er zufrieden die Betriebsanleitung zuklappt.
„Ich habe uns ein paar Bruschette gemacht.”, verkündet Dorothea.
„Greif zu!”, fordert Guiseppe Sophia auf und deutet auf den Brotkorb.
Sophia nimmt eine der Brotscheiben, kostet davon und seufzt: „Die Bruschette sind ein Gedicht!”
Dorothea lacht: „Es ist nur geröstetes Weißbrot mit Olivenöl und ein wenig Rosmarin.”
„Nein, nein, es ist viel mehr als das. Die Bruschette sind eine Verdichtung von all dem, was ich mag.”, erklärt Sophia.
„Der Weizen steht für Giacomo, das Mehl für meine Eltern. Dann ist da noch der Bäcker, Dorothea, die die Bruschette zubereitet hat und von Guiseppes stammen die Oliven, aus denen Padre Stefano das Öl gepresst hat.”
„Und der Rosmarin?”, fragt Dorothea amüsiert.
„Der Rosmarin steht für sich selbst!”
„Guiseppe?”, fragt Giacomo, und schmunzelt, als Sophia errötet.
„Das waren nur die Zutaten.”, meint Sophia ausweichend, „aber auf dem Gaumen wird das Gedicht zur Poesie. Ich schmecke die Sonne und das Leben, ich schmecke harte Arbeit, Freude und Sorgen, und wenn ich die Augen schließe, sehe ich den letzten Sommer.”
„Bene!”, ruft Dorothea begeistert aus, „und wie würdest du das Gedicht nennen?”
Sophia isst genüsslich den Rest ihres Brötchens und überlegt. Dann leckt sie sich die Finger ab und verkündet: „Hingabe. Es muss Hingabe heißen.”

Am nächsten Morgen fährt Sophia gutgelaunt und mit einem Kuss von Guiseppe auf den Lippen bei Dorothea vorbei, um sich für ihren plötzlichen Aufbruch gestern zu entschuldigen.
„Hier, Sophia.”, sagt Dorothea und gibt ihr einige Blätter Papier, „Ich hab dir das Rezept für die Bruschetta aufgeschrieben.”
Sophia nimmt die Blätter und beginnt zu lesen:


Hingabe (für drei Personen)

(Gerhard Feil)

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