Gideon und der Dichter- und Literatenkongress 2002


Gideon konnte es kaum glauben.
Sollte er, ernst zu nehmender Autor und Chefkritiker aus Berufung, es nun endlich geschafft haben? War dies eventuell der letzte, entscheidende Schritt zu Ruhm und Anerkennung?
Er steckte das Einladungsschreiben zum internationalen Dichter- und Literatenkongress 2002 in das Kuvert zurück. Dann faltete er das Kuvert, steckte es in seine Brieftasche, die Brieftasche in seine Jacke und verließ fröhlich seine Wohnung.
Zwanzig Sekunden später betrat er seine Wohnung wieder, tauschte das leger um seine Hüften gebundene Handtuch gegen eine Jeans, zog sich schnell noch Socken und Schuhe an und gab seinem Kater einen Kuss, bevor er erneut die Wohnung verließ.

Im Reisebüro buchte er einen Flug von München nach Ulan Bator für den 1. April 2002.
„Sie fliegen mit Aeroflot und einer Tupolev”, sagte ihm die freundliche Dame, ohne zu erklären, um wen es sich bei diesen Leuten handelt. Vermutlich hochrangige Literaten, dachte sich Gideon und fühlte sich geehrt. Beide Namen hatte er zumindest schon oft gehört.
Nein, er bräuchte kein Ticket erster Klasse, meinte Gideon seinem Geldbeutel zuliebe, und nein, nicht in die Mongolei wolle er, sondern nach Ulan Bator! Nicht auszudenken, wenn er wegen eines solchen Missverständnisses versehentlich in der Mongolei landen würde, während seine Kollegen ihn in Ulan Bator vermissten, dachte er und beschloss, das Flugticket ganz genau zu prüfen.

Zurück in seiner Wohnung, schraubte und hämmerte Gideon an seinem neuesten Werk: einem großen Buch, vermutlich sogar einem der größten Bücher dieses Jahrhunderts. Die wissen schon, warum sie mich eingeladen haben, dachte er stolz, als er das Buch wenige Stunden später fertig hatte.
„Die Mongolei wird dir gefallen”, sagte er zu seinem Kater und war froh, im Reisebüro letzte Woche keinen Aufstand wegen dieses Missverständnisses gemacht zu haben. „Ulan Bator ist nämlich die Hauptstadt der M O N G O L E I!”
Der Kater wiederholte zu seinem Leidwesen das Wort nicht, sondern beschnupperte interessiert das neue Buch.

Während des Fluges schaute die Stewardess neugierig auf Gideons Buch. „Wow, was für ein großes Buch!”, meinte sie, als sie das Essen servierte.
„Ein Katzenbuch”, sagte Gideon voller Stolz. „Sie müssen wissen, ich bin zum Kongress der Dichter und Literaten in Ulan Batok geladen.”
„Bator”, korrigierte ihn die Stewardess und hatte sich, ohne es zu wissen, unsterblich in diesen Dichterfürsten verliebt.
Gideon wusste es auch nicht, zumindest merkte er nichts. Und als ihn die Stewardess später fragte, ob er kurz Zeit hätte, ihr ein paar dieser Champagner-Namen in der Bordküche vorzulesen, sagte Gideon gewichtig: „Nein, tut mir Leid. Ich bin ein ernst zu nehmender Autor und muss mich mental auf den Kongress vorbereiten.”

Als Gideon in Ulan Bator landete, sagte ein Passagier zu ihm, dass seine Uhr um sieben Stunden nachging. Das ärgerte ihn, zumal die Uhr beim Abflug in München die Zeit noch präzise angezeigt hatte. Er konnte es auch kaum glauben, dass es bereits so spät sein sollte. Irgendwie iat die Zeit beim Fliegen wie im Flug vergangen, dachte er sich und schrieb diesen Gedanken sofort auf. (Ernst zu nehmende Autoren schreiben sich solche Dinge immer auf.)
Der Taxifahrer hieß Batach. Gideon schrieb sich das auf und notierte auch gleich noch den Namen des Hotels „Bayangol”. Dann warf er einen strengen Blick in sein Katzenbuch und sagte: „Willkommen in der Mongolei. Ihren Impfpass bitte!” Er lachte und setzte liebevoll hinzu: „Pepino, gleich sind wir im Hotel und dann kannst du da raus.”


Frisch geduscht und wohlriechend fand sich Gideon pünktlich und mitsamt seinem Katzenbuch auf dem Kongress ein. Hier wurde ihm erst nach Ausweiskontrolle und Einladungsprüfung Einlass gewährt. Er wunderte sich, dass ihm das Wort „Besucher” auf der Einladung vorher nie aufgefallen war. Was es wohl damit auf sich haben mochte? Ein deprimierender Verdacht begann in ihm zu keimen, und als ihm einer der Stühle inmitten des Publikums zugewiesen wurde, war ihm, als würde dieser Verdacht direkt in seinem Magen Wurzeln schlagen.
„Wurzeln schlagen in Autorenmagen”, fiel ihm dazu ein, und er schrieb es auf die Rückseite des Einladungsschreibens, steckte es in das Kuvert, das Kuvert in seine Brieftasche und die Brieftasche in seine Jacke.

Auf dem Podium gab ein Ossi dadaistische Meisterstücke zum Besten. Gideon konnte damit nicht nur nichts anfangen, nein, es ärgerte ihn sogar. Er kochte vor Wut, grillte vor Verzweiflung und wenn ihm noch ein drittes Gefühl bewusst geworden wäre, dann hätte er sogar noch zu schmoren angefangen. Das ist die Hölle, dachte sich Gideon, und weil dies so gut passte, notierte er sich auch noch: „Er schmorte in der Hölle.”
Langsam fand er sich mit dem Gedanken ab, nur Gast dieser Veranstaltung zu sein. Mittlerweile hatte wenigstens der Dadaist unter spärlichem Applaus und einem Buhruf von Gideon die Tribüne verlassen.
Als nächstes wurde ein „grandioses Comeback der VzUsdW” (Verein zur Unterdrückung schlechter dichterischer Werke) angekündigt.
Beim Versuch auf den Stuhl zu klettern, um einen Blick auf den Autor erhaschen zu können, trat Gideon durch die Sitzfläche.
„Er solle sich ganz schnell verpissen - hätt ich ihm an den Kopf geschmissen - doch stolperte ich ganz beschissen - und hab mir auf die Zung gebissen”, schrieb Gideon in sein Notizbuch, nachdem er sich wieder aufgerappelt hatte.
Während er sich samt Katzenbuch durch die Stuhlreihen und darüber hinweg zum Ausgang kämpfte, sagte Gideon zu sich selbst unentwegt: „Nein, ich höre nicht hin und ich höre auch nicht zu”.

Gideon verließ den Kongress in Richtung Khan-Bräu. Dort gab es das gleichnamige Bier, das vom Wirt persönlich nach deutschem Reinheitsgebot gebraut wurde. Pepino bekam natürlich kein Khan-Bräu, sondern ein Schälchen Stutenmilch, die die Mongolen allerdings nicht Stutenmilch sondern Aijrak nennen. Den traditionellen Tee mit Milch und Salz lehnten beide, Gideon und Pepino, dankend ab.

Beim Heimflug am nächsten Tag hatte Gideon im Flugzeug einen katastrophalen Sitznachbarn, der unentwegt behauptete Altenpfleger zu sein, während er Unmengen von Khan-Bräu in sich hineinschüttete. Auf jeden Fall war der Mensch langweilig. Deshalb las Gideon seinem Pepino noch das Ende des Romans „Felidae” von AKIF PIRINCCI vor.
Pünktlich mit der Landung in München war er damit fertig.
„Was für ein Abenteuer!”, sagte Gideon zu Pepino und suchte den Reim.
„Ist dir etwas nicht geheuer - beginnt dort meist ein Abenteuer”, strahlte Gideon und schrieb es auf.
Dann bemerkte er, dass seine Uhr auch wieder richtig ging und war sich gar nicht sicher, wie er das nun finden sollte.
Deshalb fand er es einfach praktisch.

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